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1984 – Schauspielhaus Salzburg

Welcome to the future [omigod]

Wenn 2071 in etwa so aussieht wie „1984“, dann sollten wir besser unsere Füße in die Hand nehmen. Und zwar JETZT! Petra Schönwald inszenierte den Klassiker unter den Klassikern am Schauspielhaus Salzburg: dystopisch-schön.

Höchste Zeit für ein kleines Geständnis: Ich habe George Orwells „1984“ nie gelesen. Aldous Huxleys „Brave New World“ oder William Goldings „Lord of the Flies“? Ja! Sogar Haruki Murakamis „1Q84“ habe ich in drei Teilen verschlungen, dabei bin ich kein Sci-Fi-Fan. Aber „Neunzehnhundert vierundachtzig“, wie der Titel im Original lautet? Fehlanzeige. Wie schön also, dass es Theater gibt. Konkret das Schauspielhaus Salzburg, das den Klassiker unter den Klassikern auf die Bühne brachte. Dafür bin ich ziemlich dankbar, schließlich ist aktuell ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für das Füllen von diesbezüglichen Lektüre-Lücken. In Amerika war George Orwells berühmter Roman nach Trumps Amtsantritt vergriffen. Tatsache. Ausverkauft. Penguin ließ 75.000 Exemplare des Titels nachdrucken. Die plötzliche Beliebtheit des dystopischen Evergreens war kein Zufall. Die Parallelen zum amerikanischen Oberhaupt sind, formulieren wir es dezent, erdrückend. Ungefähr so wie ein Wink mit dem Empire State Building. Oder der Freiheitsstatue.

In aller Plot-Kürze

Winston lebt in einem totalitären Überwachungsstaat mit dem „Wahrheitsministerium“ als Zentrale. Um die Bürger besser zu kontrollieren, initiiert das Regime einen Personenkult, der sich „Big Brother“ nennt und das Volk führt – in die diktatorische Knechtschaft. Selbst auf die Sprache nimmt das Regime mit seinem „Neusprech“ Einfluss. Unerwünschte Wörter werden einfach eliminiert und jegliche Kritik im Keim erstickt, während „Doppeldenk“ das Akzeptieren widersprüchlicher Meinungen fördert. Im braven Winston keimen trotzdem langsam Zweifel auf. Sanft regt sich erster Unmut, später häufiger, und schließlich versucht er gar, aus dem Hamster-Rad des totalitären Über wachungsstaates auszubrechen.

Vernetzte Welt

In eine zeitgenössische Richtung tendiert auch Petra Schönwalds und Alina Spachidis‘ Interpretation des Orwells Klassikers (Musik: Raphael Busa, Licht: Marcel Busa, Dramaturgie: Alina Spachidis, Maske: Sandra Platz). Alles andere wäre bei 1984 aber auch kontraproduktiv. Deshalb zelebriert die leider auf Vormittage und Nachmittage beschränkte Inszenierung die medialen Anspielungen und rückt den vernetzten Menschen in den Fokus. Dafür kreierte Julie Weideli (Ausstattung) ein Gerüst, das die Vorhangabteilung jedes Möbelhauses vor Neid erblassen lassen würde: Das Konstrukt gleicht einem medialen Labyrinth, das Winston mit dem Ziehen der unterschiedlichen Strippen zum Leben erweckt (Jonas Breitstadt, der sich wunderbarerweise die komplexe Reihenfolge merkt). Wie Minotauros irrt er durch den immer gleichen Tagesablauf und findet keinen Ausweg. Sobald die Rouleaus gefallen sind, schaltet sich Big Brother via Teleschirm zu Winston und seinen Genossen – gelungene Video(live)übertragungen ergänzen die ernüchternde Dystopie (Michael Winiecki Video). Die Regisseurin verzichtete zwar auf piepsende Modem-Geräusche im Hintergrund, aber die sind im Zeitalter von Web 3.0 ohnehin schon gestrig. Dafür sorgt das verdächtige Rauschen zwischen den Szenen für passendes Computer-Ambiente. Schließlich ist „Big Brother“ im 21. Jahrhundert nicht länger ein einschlägiges TV-Format. Nein, viel besser, Mensch nutzt fleißig die sozialen Medien mit ihren unendlichen Kanälen und packt bei der Überwachung tatkräftig mit an. Das ist fein, birgt aber auch, siehe Winston, so seine Risiken.

Fähnlein im Wind

Die Figuren selbst treten in schneidigen Kommunismus-Outfits an. Senfgelb sind sie, diese Zweiteiler, und erinnern wahlweise an Sträflingsanzüge oder Kim Yong Ils Uniform. Nebenbei demonstrieren die Kostüme auch die Vereinheitlichung der Masse und die Negierung jeglichen kritischen Denkens. Hier richten sich alle nach dem Regime, selbst die Wahrheit. Damit hat Winston so sein liebes Problem. Jonas Breitstadt gibt den regimetreuen Genossen, sanft kritischen Widersacher, ewig Zweifelnden, Überläufer und schlussendlich Heimkehrer Widerwillen mit viel Verve und noch mehr Empathie. Auf seiner Rollenreise fesselt der junge Schauspieler mit Präsenz und Spielfreude. Als Julia steht ihm Tilla Rath zur Seite, die das Sauberfrau-Image ihrer Figur fein aufpoliert, ehe sie es genussvoll dekonstruiert. Weg mit der Anti Sex-Schleife, die Figur rebelliert auf ihre eigene Weise. Ein fahler Beigeschmack bleibt dank Julias Doppelleben trotzdem; sollte sich Winston im totalitären Überwachungsstaat tatsächlich so schnell der nächstbesten Person anvertrauen? Wunderbar übrigens die Szene während der Hass-Woche, als Winston und Julia voller vordergründiger Euphorie ihren Hass-Schlager zum Besten geben – und kritische Kommentare zur Seite sprechen. Was mit poppigen Tönen und jeder Menge guter Laune an Televangelisten erinnert, invertiert durch die Widersprüchlichkeit von Text und Ton/Bild die „Doppeldenk“-Methode ins Positive: Die Szene bricht mit der harmlos-düsteren Normalität. Gerade die aufgesetzte und überspitzte Fröhlichkeit akzentuiert die widernatürliche, inhumane Seite des totalitären Regimes und präsentiert anschaulich das Ergebnis gründlicher Gedankenwäsche. Eine ähnliche Wirkung evozieren die nur vordergründig harmlosen Szenen mit den ewig lächelnden, ewig „Mahlzeit!“ rufenden Genossen*innen oder den beiden Kindern und ihren Waffen (Cora Mainz und Nico Raschner verausgaben sich als Kind 1 und 2 und ballern dabei kräftig in der Gegend herum).

Die totale Überwachung findet in Petra Schönwalds Inszenierung überall statt, aber ganz besonders auf den Bildschirmen. Cora Mainz behält als strenges Telegirl Winston im Auge und Janna Ambrosy gibt eine herrlich ironische Darstellung einer Sportskanone, die eigentlich Yogagirl heißen sollte. Lukas Bischof springt als Teleboy 2 mit sehr viel Pflanze auf einen aktuellen e-Trend auf: Bilder mit großen Zimmerpflanzen erfreuen sich in den sozialen Medien zur Zeit äußerster Beliebtheit, wie kürzlich in der ZEIT (Ausgabe 40) zu lesen stand. O’Brien ist zwar kein Trendsetter, dafür legt ihn Olaf Salzer entsprechend ambivalent an. Die mysteriöse Figur mit dem Hang zu kryptischen Formulierungen und geflügelten Sentenzen unterscheidet sich bereits optisch von den anderen – Olaf Salzer trägt zum ersten Mal seit langem zwar keinen Bademantel auf der Bühne, aber der senfgelbe Kaftan kommt der heimischen Wohlfühl-Uniform doch schon erstaunlich nahe. Und auch sonst spielt der Mime die Ambiguität seiner Figur voll aus und gibt sie selbst während des Verhörs nicht für eindeutige Kategorisierungen frei.

Und 2 + 2 = (trotzdem) 4!

1984 ist von allen Dystopien eine der deprimierensten; sogar Dantes Inferno verfügt noch über einen rettenden Ausweg. Petra Schönwald hat die Tristesse der Orwell’schen Zukunftswelt gelungen eingefangen, verpackt und in die Gegenwart transportiert. Freilich könnte sie noch stärker mit den neuen Medien verbunden werden, eine Option, die sich gerade bei diesem Stoff anbietet. Allerdings liefert 1984 auch so genügend Denkanstöße. Höchste Zeit also, der eigenen, kritischen Meinung die Stange zu halten und ihr eine Stimme zu geben – dann klappt es auch mit 2071.

 

 

Fotonachweis: Jan Friese

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